Wenn Sie Ihre Route durch die türkische Mittelmeerregion, speziell nach Mersin und Tarsus, planen, steht Ihnen eine besondere Begegnung bevor. Hier besuchen Sie nicht nur eine antike Stätte, sondern den Geburtsort eines Mannes, der den Lauf der Weltgeschichte verändert hat: Apostel Paulus (Saul von Tarsus).

Vielleicht bietet Tarsus nicht die monumentale optische Pracht wie das Kolosseum in Rom oder die Bibliothek von Ephesos. Doch der Paulusbrunnen (St. Paul Brunnen) und die Pauluskirche (St. Paul Kirche) tragen ein spirituelles Gewicht, das Jahr für Jahr Tausende von Pilgern und Geschichtsinteressierten anzieht.

Als jemand, der die engen Gassen von Tarsus gut kennt, habe ich diesen Guide für Sie zusammengestellt. Hier erfahren Sie alles Wichtige über die Atmosphäre vor Ort und was Sie unbedingt im Gepäck haben sollten, bevor Sie diese heiligen Stätten betreten.

Wichtige Infos vor Ihrem Besuch (Logistik & Planung)

Bevor Sie Ihren Tag planen, sollten Sie diese praktischen Details kennen. Besonders wenn Sie im heißen türkischen Sommer unterwegs sind, spart Ihnen gute Vorbereitung viel Energie.

  • Eintritt & Tickets: Der Eintrittspreis ist für europäische Verhältnisse sehr günstig. Falls Sie einen türkischen Museum Pass (Müzekart) besitzen, ist der Eintritt sogar frei.
  • Wichtiger Hinweis: Der Paulusbrunnen und die Pauluskirche (Gedenkmuseum) liegen zwar in fußläufiger Entfernung zueinander, befinden sich aber nicht im selben Komplex. Es gibt zwei separate Eingänge und Kontrollen.
  • Zeitplanung: Für den Brunnen reichen in der Regel 15-20 Minuten. Für die Kirche sollten Sie sich etwa 30 Minuten Zeit nehmen, um die Fresken in Ruhe zu betrachten.
  • Parken: Die Straßen im alten Stadtteil von Tarsus sind historisch bedingt sehr eng. Ich empfehle Ihnen, Ihr Auto auf einem größeren Parkplatz in der Nähe abzustellen und die letzten Meter zu Fuß zu gehen.

Der Paulusbrunnen: Mehr als nur eine Wasserstelle

Wenn Sie den Innenhof zwischen den alten Steinhäusern von Tarsus betreten, sehen Sie auf den ersten Blick vielleicht nur einen einfachen Brunnen. Doch der Schein trügt. Archäologen und Historiker gehen davon aus, dass genau hier das Geburtshaus des Apostels Paulus stand.

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Der Schacht des Brunnens ist zylindrisch, geht aber in der Tiefe in eine quadratische Form aus handbehauenem Stein über. Es heißt, dass das Wasser in diesem tiefen Brunnen noch nie versiegt ist – weder im heißesten Sommer noch im Winter.

Heiliges Wasser und Glaube

Für christliche Besucher ist dieser Ort oft ein wichtiger Halt auf dem Weg nach Jerusalem oder Antakya. Dem Wasser wird eine heilende Wirkung nachgesagt. Sie können das Wasser vor Ort probieren oder sich damit erfrischen. Es hat einen deutlich weicheren Geschmack als das übliche Leitungswasser der Region.

Mein Tipp: Wenn Sie etwas von dem Wasser mitnehmen möchten, packen Sie eine kleine, leere Flasche ein. Vor Ort gibt es meist keine Behältnisse zu kaufen.

Geschichte unter Glas

Direkt neben dem Brunnen werden Sie eine verglaste Bodenfläche bemerken. Darunter liegen die ausgegrabenen Fundamente des Hauses, in dem Paulus vermutlich seine Kindheit verbrachte. Dass diese Mauerreste unter Glas geschützt sind, kann manchmal durch Staub oder Beschlag die Sicht etwas trüben – aber das Gefühl, direkt über 2000 Jahre alter Geschichte zu stehen, ist dennoch beeindruckend.

Die Pauluskirche (Gedenkmuseum)

Nur einen kurzen Spaziergang vom Brunnen entfernt liegt die Pauluskirche. Sie wurde vermutlich im 11. oder 12. Jahrhundert erbaut und im 19. Jahrhundert umfassend renoviert. Heute dient sie offiziell als Gedenkmuseum (Anıt Müze), wird aber zu besonderen Anlässen immer noch von christlichen Gemeinden für Gottesdienste genutzt.

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Wenn Sie die Kirche betreten, richten Sie Ihren Blick unbedingt nach oben. Die Deckenfresken sind das Herzstück des Gebäudes. Sie zeigen Jesus, die vier Evangelisten (Johannes, Matthäus, Markus und Lukas) sowie Engelmotive.

Besonders atmosphärisch wird es, wenn das Sonnenlicht durch die Fenster fällt und den Innenraum in eine fast mystische Stimmung taucht. Achten Sie auch auf das große, runde Fenster über dem Altarbereich – es symbolisiert das göttliche Licht, das die Welt erhellt.

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Wer war Apostel Paulus eigentlich?

Um die Bedeutung dieses Ortes wirklich zu spüren, lohnt sich ein kurzer Blick in die Geschichte. Paulus wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. hier in Tarsus als Saul geboren und war römischer Bürger.

Bekannt ist er vor allem für seine Wandlung: Vom vehementen Verfolger der Urchristen wurde er nach seinem Damaskuserlebnis (einer Vision auf dem Weg nach Damaskus) zum eifrigsten Missionar des Christentums. Ein Großteil der Briefe im Neuen Testament stammt aus seiner Feder. Ohne ihn wäre das Christentum vermutlich eine kleine jüdische Sekte geblieben und nicht zur Weltreligion geworden.

Experten-Tipps für Ihren Besuch

Damit Ihr Besuch in Tarsus so angenehm wie möglich verläuft, hier noch ein paar ehrliche Ratschläge aus meiner Erfahrung vor Ort:

  • Erwartungsmanagement: Tarsus ist reich an Geschichte, aber der Bereich um den Brunnen ist klein. Erwarten Sie keinen riesigen archäologischen Park. Hier geht es um die Atmosphäre und die historische Bedeutung, nicht um Größe.
  • Kombinieren Sie Ihre Route: Fahren Sie nicht nur für den Brunnen nach Tarsus. Verbinden Sie den Ausflug mit dem Tarsus-Wasserfall (Şelale), den alten Tarsus-Häusern und dem Grab des Propheten Daniel (Danyal Peygamber). Alles liegt nah beieinander.
  • Achtung Hitze: Die Çukurova-Ebene ist berüchtigt für ihre feuchte Hitze im Sommer. Planen Sie Ihren Besuch im Juli oder August entweder früh am Morgen oder am späten Nachmittag.
  • Kleidung: Da die Kirche als Museum fungiert, gibt es keine strikte Kleiderordnung wie in aktiven Moscheen, aber respektvolle Kleidung (Schultern und Knie bedeckt) ist an solchen Orten immer angebracht und wird von den Einheimischen geschätzt.

Tarsus ist ein stiller Zeuge großer Geschichte. Wer sich für die Ursprünge des Glaubens interessiert, sollte diesen Ort unbedingt auf seine Liste setzen.