Wenn Sie eine Reise zu einem der sieben Weltwunder der Antike buchen, haben Sie wahrscheinlich gewaltige Marmorsäulen, massive Tore und atemberaubende Architektur vor Augen. Doch wenn Sie den Artemis-Tempel in Selçuk besuchen, muss ich Sie bitten, diese Erwartungen ein wenig zu dämpfen, zumindest optisch.
Sie werden hier keine stehende Kathedrale aus Marmor finden. Stattdessen erwartet Sie eine einzelne, einsame Säule, die aus einem sumpfigen Feld ragt.
Ich schreibe diesen Guide nicht, um Sie abzuschrecken. Ganz im Gegenteil: Ich schreibe ihn, damit Sie nicht enttäuscht wieder gehen. Dieser Ort ist nicht einfach nur ein Haufen Steine; er ist ein historischer Tatort. Es ist ein Schauplatz, der die größten Ego-Kämpfe der Menschheit, religiöse Umbrüche und technische Meisterleistungen miterlebt hat. Um diesen Besuch wirklich zu genießen, müssen Sie die unsichtbare Geschichte hinter dieser einen Säule sehen.
Warum war das Artemision so bedeutend?
In der antiken Welt als Artemision bekannt, war diese Struktur der größte Marmortempel, der bis dahin je gebaut wurde. Um es in die richtige Perspektive zu rücken: Der Parthenon in Athen, den wir heute so bewundern, würde neben dem ursprünglichen Artemis-Tempel wie ein kleines Gartenhäuschen wirken. Finanziert durch den immensen Reichtum von König Krösus von Lydien, protzte der Tempel mit 127 massiven Säulen.

Er schaffte es auf die Liste der Weltwunder nicht nur wegen seiner Größe, sondern weil er wie eine antike Kunstgalerie funktionierte. Die berühmtesten Bildhauer der damaligen Zeit wetteiferten darum, seine Pfeiler und Altäre zu schmücken.
Aber es war nicht nur ein religiöses Zentrum; es war die Wall Street der Antike. Händler, Könige und Bürger deponierten hier ihr Gold und vertrauten auf den Schutz der Göttin Artemis. Es war Bank, Heiligtum und Handelszentrum in einem.
Der erste Fame-Seeker der Geschichte: Herostratos
Das Schicksal des Tempels lehrt uns eine Lektion, die heute relevanter ist denn je. Der Tempel wurde ursprünglich nicht durch ein Erdbeben oder einen Krieg zerstört; er wurde von einem Mann namens Herostratos niedergebrannt, aus einem einzigen, banalen Grund: Er wollte berühmt werden.
Herostratos zündete dieses prächtige Bauwerk nur an, um seinen Namen unsterblich zu machen. Die Menschen von Ephesos waren so wütend, dass sie ihn nicht nur hinrichteten, sondern eine Damnatio Memoriae verhängten: Es war jedem verboten, seinen Namen jemals wieder auszusprechen. Die Ironie der Geschichte? Historiker notierten das Verbot und sorgten so dafür, dass sein Name Jahrtausende überlebte.

Hier ist ein faszinierendes Detail für Ihren nächsten Smalltalk: Der Legende nach brannte der Tempel genau in der Nacht nieder, in der Alexander der Große geboren wurde. Die Einheimischen scherzten später, die Göttin Artemis sei zu sehr damit beschäftigt gewesen, in Makedonien als Hebamme für Alexander zu fungieren, um ihr eigenes Haus zu retten.
Wo liegt der Tempel und wie kommen Sie hin?
Die Ruinen befinden sich in der Stadt Selçuk, nicht am oberen Haupteingang der antiken Stadt Ephesos, wie viele fälschlicherweise annehmen. Der Tempel liegt gut erreichbar zwischen der Festung von Selçuk und der Straße nach Ephesos.
- Zu Fuß: Vom IZBAN-Bahnhof Selçuk oder dem Busbahnhof (Otogar) ist es ein leichter Spaziergang von 15 bis 20 Minuten.
- Mit dem Auto: Wenn Sie selbst fahren, können Sie direkt am Eingang kurz halten.
- Öffentliche Verkehrsmittel: Die Dolmuş (Minibusse), die zwischen Kuşadası und Selçuk verkehren, fahren direkt an der Hauptstraße vorbei. Sie können in unmittelbarer Nähe aussteigen.
Geografisch bildet der Tempel ein perfektes Goldenes Dreieck der Geschichte mit der Isa-Bey-Moschee und der Johannesbasilika. Wenn Sie diese drei Orte nacheinander besuchen, erleben Sie den Übergang vom Heidentum zum Christentum und schließlich zum Islam auf engstem Raum.
Damit der Besuch kein Reinfall wird: Praktische Tipps
Bevor Sie losfahren, lesen Sie diese Notizen. Das hier ist kein typischer Museumsbesuch:
- Achtung Sumpf: Der Tempel wurde auf sumpfigem Boden gebaut, um ihn vor Erdbeben zu schützen (ein kluger Schachzug der antiken Ingenieure, der letztlich scheiterte). Heute ist der Boden oft nass und matschig, besonders im Winter oder Frühling. Lassen Sie Ihre besten weißen Sneaker im Hotel; sie werden hier definitiv braun.
- Der Hausherr Storch: Schauen Sie genau auf die Spitze der einzigen stehenden Säule. Sie werden dort fast sicher ein Storchennest entdecken. Es hat etwas Poetisches, wie die Natur sich die Geschichte zurückholt.
- Die fliegenden Händler: Am Tor werden Sie oft Verkäufer treffen, die Münzen oder Reiseführer anbieten. Sie können manchmal etwas aufdringlich sein. Ein festes, aber höfliches Nein, danke und zügiges Weitergehen funktioniert meistens am besten.
- Zeitmanagement: Planen Sie hier keinen Tagesausflug. Ein Stopp von 15 bis 20 Minuten reicht völlig aus, um Fotos zu machen und die Infotafeln zu lesen.
- Die Einstellung: Behandeln Sie diesen Ort nicht wie eine klassische Sehenswürdigkeit. Sehen Sie ihn als forensische Spurensuche. Schauen Sie auf die verstreuten Marmortrommeln und versuchen Sie, im Geist den Wald aus 127 Säulen zu rekonstruieren, der hier einst stand.
Wo sind die eigentlichen Schätze?
Wenn sich das Gelände für Sie leer anfühlt, liegt das daran, dass die besten Stücke schon vor langer Zeit ausgezogen sind.
- British Museum (London): Im 19. Jahrhundert brachten britische Archäologen viele der skulptierten Säulenbasen und Architekturfragmente nach London.
- Ephesos Museum (Selçuk): Das ist Ihr wichtigster Stopp. Die berühmten Statuen der Artemis, jene, die mit den vielen Eiern (oder Stierhoden, je nach Theorie) auf der Brust dargestellt sind, stehen hier. Das Museum ist nur 10 Gehminuten vom Tempel entfernt. Sie müssen das lokale Museum besuchen, um wirklich zu verstehen, was Sie draußen auf dem Feld gesehen haben.

Was gibt es in der Nähe noch zu sehen?
Sobald Sie dem verlorenen Tempel Ihren Respekt gezollt haben, wenden Sie sich den anderen Highlights in Selçuk zu. Die Stadt ist praktisch ein Freilichtmuseum.
Direkt hinter Ihnen steht die Isa-Bey-Moschee, ein Meisterwerk der seldschukischen Architektur. Auf dem Hügel darüber thront die Johannesbasilika, wo angeblich der Apostel Johannes begraben liegt. Und natürlich sind die antike Stadt Ephesos und das charmante Weindorf Şirince nur eine kurze Autofahrt entfernt.
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